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„Gibt es am Schiff WLAN?“ fragt ein braunhaariger, wohlgenährter Teenager, als er am Segelboot von Mario ankommt. Sein Freund und er starren unentwegt auf ihre Smartphones, ignorieren ihre Umgebung komplett. Dabei scheint gerade die Sonne so schön auf das tiefblaue Meer, das vor sich hin glitzert. Kaum Wellen. Die unendliche Weite der See, die Theresa so mag.

Als Mario die letzten Gäste für den Segelturn aufs Boot kutschiert hatte, sieht sich Theresa den Skipper etwas Genauer an. Bereits beim Transport mit dem Beiboot war ihr die Schönheit von Mario aufgefallen. Braunes, langes Haar, braungebrannter, durchtrainierter Körper. Dazu strahlend weiße Zähne, runde Augenbrauen und leuchtende, braune Augen. Doch da ist irgendwie mehr dran an ihm, denkt sich die neugierige Journalistin, die es in ihrem Urlaub auf eine griechische Insel verschlagen hat.

Sie beginnt, Mario zu beobachten, als er den Motor aufdreht, denn zum Segeln ist jetzt zu wenig Wind. Nur eine leichte Brise, die die salzige Luft an Bord spült, ist bemerkbar. Mario hat permanent ein Lächeln auf den Lippen, seine weißen Zähne blinken als Kontrast dazu. Er strahlt tiefste Zufriedenheit von innen aus. Gepaart mit der äußeren Schönheit macht ihn das für Theresa noch interessanter.

Die Tatsache, dass er ihr nicht wie es Männer sonst gerne machen, auf ihr Dekolletee starrt, irritiert sie ein wenig. Ihr schwarzer Triangle-Bikini gewährt dem männlichen Geschlecht tiefe Anblicke auf ihre wohlgeformte Oberweite. Theresa findet selbst, dass es eines ihrer schönsten Körperteile ist. Doch dafür interessiert sich Mario nicht. Stattdessen blick er verträumt aufs offene Meer hinaus.

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„Machst du das jeden Tag?“ fragt Theresa den Skipper. „Ja, im Sommer schon. Und ich kann mir nichts Schöneres in meinem Leben vorstellen!“ antwortet Mario. Schüchternes Lächeln, als er zu Theresa rüber blickt. „Segeln war schon immer mein großer Traum. Seit ich mein Boot habe, genieße ich jeden Tag damit.“ Theresa nickt bewundernd.

„Was gibt es Besseres, als seinen ganz persönlichen Traum jeden Tag zu leben?“ denkt sich die Journalistin, die selbst mit ihrem Sein und Tun unzufrieden ist. Alle zwei Monate dürfen sich ihre Kollegen und sie sich von ihren Vorgesetzten anhören, dass bald wieder Mitarbeiter gekündigt werden. Aus Einsparungsgründen. Der Holzindustrie – ergo Printmedienbranche – geht es schlecht. Die Angst, dass ihre Existenz durch eine Entscheidung, die sie nicht selbst aus freien Stücken trifft, gefährdet ist, sitzt ihr ständig im Nacken.

Doch darüber will Theresa jetzt nicht nachdenken. Stattdessen blickt auch sie auf das weite, offene Meer. Ihre Gedanken werden weniger, stattdessen genießt sie einfach das Hier und Jetzt. Am Boot mit Mario über das Meer schippern. Für einen Moment seinen Lebenstraum spüren und miterleben. Mario hat ein griechisches Lied von Xaris Alexiou in den CD-Player gelegt. Zu den sanften Klängen der Musizierenden und der kräftigen, verträumten Stimme der Sängerin schippert der Skipper mit dem Touristenboot auf die offene See hinaus.

Immer weiter entfernen sie sich von der Küste, an der eine Felsenklippe auf die nächste folgt. Das Grillenzirpen wird immer leiser, das Wellenrauschen immer lauter. Theresa kommt es vor, als würden die Wellen zur Musik tanzen, so sehr gleichen sie sich dem Rhythmus des Songs an. Theresa entspannt sich.

Die Teenager machen nebenan mit ihren Smartphones Selfies und starren noch immer vorwiegend auf ihre Geräte. „Schade, dass wir die Fotos nicht gleich über Whatsapp verschicken können“, meint der Teenager, aus dessen grüner Badehose eine Speckfalte herauslugt. Auch Theresa zückt jetzt ihr Smartphone. Und zwar um Mario zu fotografieren.

Sie will sich ewig an den Moment erinnern, in dem der Skipper mit seinem Zahnpastalächeln, das jetzt gerade ein wenig verschmitzt wie bei einem kleinen Buben wirkt, am Steuer seines Bootes steht und einfach zufrieden wirkt. Mit sich selbst und der Welt. Griechenland-Krise, lärmende Touristen und die 43 Grad Hitzewelle hin oder her.

„Lern was draus“, sagt Theresa leise zu sich selbst und drückt den Auslöser auf ihrem Handy.

Disclaimer: Theresa und Mario sind Fiktion, eine reine Erfindung der Autorin. Die Autorin segelte jedoch tatsächlich mit einem Skipper über das ionische Meer. Der Text entstand Anfang August 2015 während einem „Creative Writing“ / „Short Story“-Kurs bei Ana Znidar im Rahmen der Sommerakademie auf der griechischen Insel Zakynthos (sommerakademie.at).

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